Tüg grenzt Technik von Natur und Leben ab. Warum mir das hilft, Missverständnisse aufzudecke, darüber spreche ich in diesem Video. ------------------ Was ist Technik? Mit dieser Frage setze ich mich in diesem Video auseinander. Meine Name ist Josef Huber. Ich bin Pflegewissenschaftler. Der Begriff der Technik hat sich über lange Zeit entwickelt. Die indogermanischen Wurzeln des Begriffs bedeuten so viel wie "flechten" oder "zusammenfügen. Aristoteles benutzt den Begriff Technik für ein "auf Tun gerichtetes Wissen" oder "Auf Wissen gerichtetes Handeln". Um 1706 beschreibt eine Kunst oder Kunstfertigkeit, besonders im Umgang mit dem Mechanischen. Damit wandelt sich der Technikbegriff. Ist er zunächst eine Prozedur, so bezieht er sich mehr und mehr auf das Artefakt. Beckmann vertieft diesen Fokus um 1777 mit der "Teczhnologie als Verfahrenstechnik" und "Wissenshaft von Produktion und ihren Prozessen". Kapp spricht 1877 von der Organprojektion. Das Bedeutet, dass er im Hammer die Faust des Menschen sieht, im Messer die Schneidezähne, der Mühlstein die Backenzähne und ähnliches. Der Mensch erscheint hier als unvollkommenes Mangelwesen, das der Technik bedarf. Im 20. Jahrhundert bezieht sich der Begriff der Technik dann vornehmlich auf Artefakte. Dieser Fokus hat sich zwischenzeitlich aufgelöst und Begriffsauffassungen von Technik als Prozedur bzw. Technik als Artefakt stehen sich als unterschiedliche, teils ergänzende und teils konkurrierende Begriffe gegenüber. Und es gibt verschiedene Ansätze, mit dieser Begriffsvielfalt umzugehen. Für die praktische arbeit kann es sinnvoll sein, den Schwerpunkt auf den Groben Rahmen (in der Fachsprache auf der empirischen Extension) des Technikbegriffs zu legen. Für die Wissenschaftliche Auseinandersetzung kann man sich auf den Kern (sprich die semantische Intension) des Technikbegriffs konzentrieren. Und in der Sozialkritsichen Deutung auf die Bedeutung der Technik für den Menschen. DAs Spielgelt die "Glorifizierung" oder "Verteufelung" von Technik im sprachgebrauch wieder. Tüg wagt sich 2014 an einen Definitionsversuch. Dabei soll eine Definition Formal korrekt, konkret, klar und brauchbar sein. Sie soll ohne dem Technikbegriff verwandte Ausdrücke auskommen. Sie soll Entitäten aufgrund ihrer Eigenschaften/Eigenarten aussondern. Damit soll die Schärfe des Begriffs gestärkt werden. Und die Abgrenzung soll sich an dem Orientieren, wie der Begriff vor der Definition gebraucht wurde. Um diese Ziele zu erreichen grenzt er "Technik" von "Natur" udn "Leben" ab. Technik ist das reaktive, sich vollziehende Geschaffene. geschaffen bedeutet dabei, dass etwas modifiziert und antizipiert wurde - und kontingenterweise entstanden ist. reaktiv bedeutet, dass etwas vollständig Gesetzen unterworfen ist und zwischen Input und Output vermittelt. vollziehend bedeutet, das etwas kann nur über die Zeit erstreckend begriffen werden kann. Technik ist das künstlich hergestellte. Technik wurde modifiziert, d.h, bearbeitet. Sie wurde Antizipiert, d.h. um etwa szu erreichen. und sie ist kontingenterweise, d.h. nicht zwangsläufig entstanden, sondern jemand hat sich da sozusagen hingesetzt und hat es geschaffen. Demgegenüber sind natur und Leben gegeben. Sie sind vorhanden oder vorfindbar. Ich kann sie Selektieren um sie für meine Zwecke zu nutzen, sind aber im Gegensatz zur Technik nicht bearbeitet. Natur und Leben kann ich zufällig nutzen, weil sie eine gewisse Wirkung haben, aber wurden nicht künstlich hergestellt, um etwas zu bewirken. Und Natur und Leben sind deterministisch, zwangsläufig entstanden, etwa wie der Stein aus dem Fels bricht. Ich kann diesen Stein herausgreifen und als Briefbeschwerer nutzen. Aber er wäre dann keine Technik im Tügschen Sinne - dazu müsste ich den Stein bearbeiten. Ein Beispiel aus der Pflege ist die Bettleiter: Ich bearbeite ein Seil mit Knoten oder schaffe eine Strickleiter, um das Aufstezen zu erleichtern, könnte alternativ aber auch einen Bettgalgen oder eine spezielle Aufstehtechnik verwenden. Im Gegensatz dazu wäre die Hand (das Leben) oder der Stein, die ich wegen ihrer Wirkung als Stüzte nutze, weil sie aufgrund von Naturgesetzen die Kräfte zum Boden ableiten bzw. mir aktiv helfen aufzustehen. Technik ist reaktiv, das bedeutet, dass sie wie die unbelebte Natur in ihren vollzügen allgemeinen Gesetzen oder Ursache-Wirkungs-Verhältnissen unterworfen ist. Einem spezifischen Input folgt immer ein spezifischer Output. Wenn ich den Lichtschalter drücke, geht das Licht ein. Es sei denn, ich habe die Lampe ausgesteckt. Wenn ich den Ast knicke, bricht er ab. Es sei denn, er erfordert mehr Kraft, als ich zur verfügung habe. Das Leben dagegen ist aktiv und selbstbezüglich. Das bedeutet, dass Entscheidungen und Auswirkungen individuell getroffen werden, etwa duch antriebe zur Selbstbewegung, Selbsterhaltung oder Selbstorganisation. Ein Beispiel aus der Pflege wäre das Aufstehen nach dem Sturz. Das Leben zeigt sich darin, dass ich individuelle Versuche starte, aufzustehen und durch Versuch und Irrtum geleitet bin. Ich versuche etwa Schmerz zu vermeiden - und habe dennoch die Hoffnung, mich selbst zuversorgen als Antrieb. Eine Handlungstechnik wäre dagegen das Planvolle aufstehen: Ich mache einen Bodycheck, Nutze die Umgebung und stehe Schrittweise auf. Oder der Patientenheber oder Lifter, der über Hebelgesetze die benötigten Kräfte reduziert, au Knopfdruck reagiert. Oder ich nutze in der Natur einen Ast, an dem ich mich festhalte. Schliesslich it Technik vollziehend, sie ist wei das Leben zeitlich Bewegt. Technik und Leben erstreckt sich im wesentlichen über eine Zeitspanne. Die Natur dagegen ist primär rämlich. Die Dimension Zeit spielt eine nachrangige Rolle. Als Metapher lässt kann gesagt werden, das die Natur sich gut auf einem Foto darstellen lässt. Das Leben aber besser auf einem Video bzw. im Bewegtbild. Wenn wir hier in den Hintergrund blicken, können wir Dinge, die wir kennen aus dem Foto erschliessen. Dinge, die wir nicht kennen - wie hier Bent oder Furhat - verstehen wir aber, wenn Bewegung ins spiel kommt. (( Bent auf den Arm Nehmen, Bent Hochwerfen)) (( Furhat begegnen, Maske abnehmen)) Was bedeutet das jetzt für meine Paktische Arbeit? Wie kann ich mir klar werden, worüber ich spreche? Tüg liefert dafür die Erschliessungsformen: Bei Technik kann ich (wie auch die Natur) nach der konstruktion Fragen, es gibt Handlungsschritte oder Teilchen. Während das Leben eine Motivation hat, also einen Grund für eine Entscheidung liefert. Technik ist Intendiert, es gibt einen klaren Schöpfer und eine absicht im Schöpfungsprozess Während das Leben die Interpretation baucht. Die Absicht des Schöpfers fehlt oder muss - etwa theologisch - erschlosen werden. Technik hat (wie auch das Leben) eine funktionale Struktur, die in Relation zu Ziel, Prozess oder System zum Tragen kommt, Während sich die Natur nur die Frage zu lässt: Wie kommt etwas zur Geltung? Ein zentraler Mehrwert dieser Definition ist für mich, dass graubereiche sichtbar gemacht werden. Daraus können wertebezogene oder juristische Fragestellungen erwachsen. Diese könnten etwa gentechnisch veränderte Organismen oder Cyborgen betreffen. Sie sind geschaffen worden, um eine bestimmte Reaktivität zu haben - gleichzeitig sind auch Aspekte des Lebens vorhanden - vielleicht dominiert die Technik - vielleicht das Leben. Die Definition nach Tüg bildet auch die weite Auffassung des Technikbegriffs ab, der jede regelgeleitete und planmässig als Mittel eingesetzte Fertigkeit in bieliebigen Bereichen des Menschlichen handelns abbildet: Regelgeleitet ist ein Merkmal der Konstruktion und damit der Technik als das Reaktive Planmässig ist ein Merkmal der Intention und damit der Technik als das Geschaffene Fertigkeit das Handeln ist ein Merkmal der Funktion und damit der Technik als das Vollziehende. Und damit verbleiben wir wie immer: WiQQi weiss nicht alles, aber wenn wir unser Wissen teilen, wissen wir alle mehr.